Historia Panis
Geschichte(n) & Rezepte zum Brot als KultUrgut von Thorsten Braun
Einleitung
Tam’i richtete das mit dicken Steinen eingefasste Beet Korngras vor ihrem Zelt. Die faltigen Hände der alten Frau strichen über die feinen Härchen der langen Halme und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Korngras hatte einen festen Platz in ihrem langen Leben und während Tam’i verträumt auf das Lichtspiel blickte, welches die Sonnenscheibe auf das Beet warf, wanderten ihre Gedanken zurück, viele Sommer zurück.
Die Bäume hatten ihre Blätter abgeworfen, als Tam’i und ihre Sippe am Gräserfluss ankamen. Sie mussten sich eilen und ihre Zelte aufstellen, bevor die Kaltzeit kommen würde. Die Chin’kara, siedelten immer hier, wenn die kalten Federn das Land bedeckten. Hier gab es reichlich Schwimmer, die köstlich schmeckten, wenn man sie über dem Feuer röstete, und die Zweihörner grasten auf den Wiesen in der Nähe des Wassers.
Tam’i war die Seherin der Chin‘kara. Obwohl sie erst wenige Sommer alt war, hatten die anderen schnell gemerkt, dass es ihr leicht fiel mit den Ahnen zu sprechen. Und es war wichtig auf die Alten zu hören, wenn sie ins Schattenreich übergetreten waren. Sie trafen die Götter und gaben dann ihr Wissen an die Erwählten weiter. Erwählte, wie Tam’i.
So war es auch die junge Frau, die den anderen sagte, wann es an Zeit war das alte Lager aufzugeben und zum Fluss zu gehen.
Die Sippe benötigte nur einen Sonnenweg, bis alle Zelte und Hütten standen und die Feuer mit ihrer wohligen Wärme die bittere Kälte vertrieb, und die Langzähne fernhielt.
Am anderen Morgen zogen die meisten Männer und Frauen aus, um Vorräte für die kalten Tage zu sammeln. Nur die Alten und die Kinder blieben zurück im Lager. Tam’i machte sich auf zu einer Wiese, wo sie vor der letzten Kaltzeit Korngras gesammelt hatte. Sie hatte es überreichlich vorgefunden und gleich geerntet. Die Ahnen hatten ihr geraten, ein wenig zurückzugeben und ein paar Handvoll der Körner wieder auf der Wiese auszubringen, Mutter Erde zur Ehre. Und natürlich hatte Tam’i den Rat alsbald beherzigt und lieber großzügig das Korn ausgebracht. Schließlich war ihr Beutel gut gefüllt.
Von ihrer Mutter Kun’ta hatte sie gelernt das Korn zu zermahlen, einige Saaten und Nüsse einzustreuen, es mit frischem Wasser zu versetzen sowie schmackhafte Kräuter hinzuzugeben. Dieser Brei schmeckte auch den Kleinen und füllte den Bauch für lange Zeit.
Tam’i staunte nicht schlecht, als sie an der Wiese ankam. Die Korngräser, die vor einem Sommer noch zwischen den Rotblumen und Großblättern herausgeschaut hatten, waren jetzt überreichlich auf der Wiese vorhanden und schienen sich gegen die anderen Wiesenpflanzen durchgesetzt zu haben. Freudig machte sich die junge Frau daran die Korngräser einzusammeln. Schnell war ihr Fellbeutel dermaßen voll, dass die geernteten Gräser wieder herauspurzelten, und sie machte sich auf ins Lager zurückzukehren, nicht ohne sich ein letztes Mal der Wiese zuzuwenden und einige Hände des wertvollen Korns Mutter Erde darzubringen. Die Ahnen würden zufrieden sein.
Sie war die Erste, die an den Fluss zurückkehrte. Die restlichen Mitglieder ihrer Sippe waren wohl noch auf der Suche, nach den Dingen, die sie zu besorgen hatten. Kun’ta, Pallta und Klik’klo wollten Wurzeln und Beeren aus dem nahen Wald bringen. Chol’pa und Katu hatten sich vorgenommen oben an Stromschnellen des Flusses Schwimmer zu fangen und Churr’na, Twokk Vull’na und Giarr waren unterwegs zu den Zweihörnern, denn sie alle brauchten neue Felle für die bald hereinbrechende kalte Zeit.
So nutzte Tam’i die Gelegenheit und entfernte die Spreu von den Körnern. Diese Körner zermahlte sie schließlich zwischen den beiden Steinen, die schon seit vielen Sommern von der Sippe gehütet wurden. Das gewonnene Pulver gab sie in eine große Holzschüssel und fügte die anderen Zutaten, wie Kräuter und Beeren hinzu. Dann übergoss sie es mit Wasser, welches sie eben aus dem Fluss geschöpft hatte. Schließlich vermengte sie das Ganze mit ihrer Hand. Es war ein wohliges Gefühl, wie sich die verschiedenen Einzelteile zu einem glatten Brei fügten, den alle mochten.
Die Sonnenscheibe hatte eben ihren Weg beendet, als auch die anderen nach und nach wieder heimkehrten. Die Körbe waren voll mit Schwimmern und wurden gleich auf Stöcke gespießt und über die Feuer gehangen. Wurzeln und Beeren fanden ihren Weg in die Körbe und Beutel, wo sie für ihre weitere Nutzung aufbewahrt wurden. Nur Tam’i fischte sich einige Beeren für ihren Brei heraus. So saßen sie am großen Feuer beieinander und genossen ihre leckere Mahlzeit.
Es war weit in der Mondzeit, als die Jäger heimkehrten. Allerdings hatten die vier kein einziges Zweihorn vorzuweisen. Lediglich zwei Langohren und ein Fetthuhn hatten sie über die Schultern geworfen. Eine ärmliche Ausbeute.
Missmutig nahmen die drei Männer und der junge Giarr ihre Breischalen entgegen und ließen sich am Feuer nieder. Normalerweise waren es die Geschichten der Jäger, die die Sippe rund um das Feuer zu unterhalten wussten. Geschichten von den Weiten der Wiesen, mächtigen Langzähnen und flinken Zweihörnern. Doch dieses Mal sollte es keiner dieser Erzählungen geben. Stattdessen berichteten die Männer von trockenen Steppen, die über viele Hügel anhielten. Über ausgetrocknete Wasserlöcher und Weiten ohne ein Stück Vieh. Traurig wirkten die Männer, die ohne den gewohnten Jagderfolg heimkehren mussten.
Am anderen Morgen waren die dunkle Stimmung verflogen. Ausgeruht trafen sich alle am Feuerplatz und berieten, wie sie an die Felle kommen sollten, die sie so dringend für die kommende Kaltzeit benötigen würden. Es war Giarr, der den Vorschlag machte, weiter zu laufen, um die Zweihörner jenseits der trockenen Wiesen zu suchen. Viele nickten zustimmend und Tam’i wurde gebeten die Ahnen zu diesem Vorhaben zu befragen.
So zog sich die Seherin in ein Waldstück oberhalb des Lagers zurück, legte ihre Kette aus Langzähnen und Federn des Baumkreischers an, setzte ihre Mütze aus dem Schädel eines Zweihorns auf und entzündete ein kleines Feuer. In die züngelnden Flammen warf sie Zauberkräuter, die prasselnd einen betörenden Duft verströmten. Mit dem rhythmischen Schlagen eines Stabes, an dem die Gehäuse von Flusskriechern und Muscheln befestigt waren, verließ Tam’i den Wald, nahe des Lagers und trat hinüber in die Schattenwelt.
Die Sonnenscheibe hatte längst ihren höchsten Punkt überschritten, als die Seherin wieder zur Sippe zurückkehrte. Doch dieses Mal war es anders als sonst, wenn Tam’i von einer Beratung mit den Ahnen heimkam. Gewöhnlich wusste die junge Frau, was zu tun war und konnte ihren Leuten die Wünsche der Götter überbringen. Aber jetzt wirkte Tam’i verwirrt und wusste nicht, was sie ihren Leuten sagen sollte. Wortlos zog sie sich in ihr Zelt zurück.
Es oblag Pulgar, dem Stammesältesten, Tam’i zu fragen was vorgefallen war. Hatte die Seherin schlechte Neuigkeiten oder, was noch schlimmer war, den Kontakt zu den Ahnen verloren? Als der alte Mann die Schlafstatt von Tam’i betrat, ertappte er die junge Frau dabei, wie sie wütend ihre Kette und den Zweihornschädel in die Ecke warf. Nachdem er die Seherin befragt hatte, antwortete sie, dass die Alten meinten, dass das Vorhaben nur gelingen würde, wenn die Jäger Brei mitnähmen.
Jetzt verstand der Stammesälteste das Verhalten seiner Seherin. Noch nie hatten die Ahnen so etwas verlangt. Und überhaupt, wie sollte das gehen? Brei konnte man nur zu sich nehmen, wenn man ihn mit frischem Wasser zubereitete und sofort aß. Einmal stehen gelassen und nach einer Mondnacht gegessen, verursachte er die schlimmsten Schmerzen. Brei, so wertvoll er auch sein mochte, konnte man unmöglich mit auf eine Jagd nehmen.
Und doch, die Alten hatten es von Tam’i verlangt.
So trafen sich die Chin’kara am Ende dieses Sonnenwegs, um über den Rat der Ahnen zu beraten. Es galt den Göttern Folge zu leisten, denn bislang hatten sie ihre Sippe vor allem Unheil bewahrt.
Aber die Aufgabe, die sie jetzt von ihnen verlangten, schien kaum lösbar zu sein. Wie sollte man etwas, was überaus wohlschmeckend und sattmachend war auf eine Wanderung mitnehmen? Sie alle wussten, dass der Kornbrei schnell gegessen werden musste, da er sonst verdarb. Und überhaupt, wie sollte man etwas auf eine Jagd mit sich nehmen, wenn man kein Gefäß dafür besaß. Denn weder in einem Lederbeutel noch in einem Korbgeflecht ließ sich Brei von einem Ort zum anderen tragen. Lediglich in den ausgehölten Holzbechern konnte man ihn zubereiten und direkt essen. Aber für eine lange Jagd, war das einfach keine Lösung.
So beschloss die Sippe, dass jeder in der kommenden Mondnacht seine persönlichen Ahnen befragen sollte, welche Antwort sie für dieses Problem hätten und am kommenden Sonnenweg, würden man schon eine Lösung finden.
Tam’i nahm sich vor die Aufgabe im Wachsein zu lösen. Es musste doch einen Weg geben, wie der Wunsch der Götter umzusetzen war. Daher trug sie alles zusammen, was man zur Zubereitung eines Breis benötigte, einen Beutel Korngras, die alten Mahlsteine sowie Nüsse, Saaten und einige frische Kräuter zur großen Feuerstelle und bereitete ihre Lieblingsspeise zu. Denn, so dachte sie, wenn das leckere Gericht erst einmal ihren Bauch füllte, würde ihr schon die passende Idee kommen. Voller Freude verrührte sie die gemahlenen Körner mit den anderen Zutaten, wobei die Seherin erneut dieses angenehme Wohlbefinden erfasste, welches sie stets übermannte, wenn sie die Körner mit Wasser mischte.
Als der Brei zubereitet war, konnte Tam’i nicht widerstehen und langte beherzt zu. Bis auf den letzten Krümel schleckte sie die Schale aus. Glücklich und zufrieden schaute sie in das leere Holzgefäß. Neue Erkenntnisse hatte ihr diese Zubereitung zwar nicht gebracht, aber immerhin war die Schamanin jetzt satt. Unschlüssig schaute die junge Frau auf die Dinge, die vor ihr lagen, die Mahlsteine, die leere Schale und so fort. Noch hatten die Götter ihr keinen Wink gegeben, also, beschloss Tam’i, wäre es gut alles noch einmal zu zubereiten. Als sie die nächste Portion verdrückt hatte, war ihr ein wenig übel. Das Gefühl mehr zu essen, als hineinpasste, war ungewohnt und fühlte irgendwie falsch an. Inzwischen fragte sie sich, ob sie dem Willen der Götter auf diesem Wege am besten folgte. Sie stand auf und umrundete die Feuerstelle einige Male, um das Essen in ihrem Bauch ein wenig zu verteilen. Doch es half nichts, befand die junge Frau und startete die Prozedur ein weiteres Mal. Die Mondscheibe stand groß am Himmel und das Feuer prasselte wärmend zwischen den großen Steinen.
Erneut machte sie sich daran die Schale zu leeren, aber als sie ungefähr die Hälfte verdrückt hatte, ging beim besten Willen nichts mehr hinein.
Müde war die Schamanin, ihr voller Bauch schmerzte und Zorn stieg in ihr hoch. So viele Sommer hatten die Ahnen ihr ihren Willen übermittelt und mit einem Male schien das Fellband durchtrennt. Am Ende war es ihre Schuld, wenn die Jagd dieses Mal kein Glück bringen würde. Es war ihre Schuld, weil sie die Götter nicht mehr verstand. Es war ihre Schuld, wenn die Sippe Schaden nahm.
Die Wut wurde so mächtig, dass sie ihren Holzbecher nahm und in das Feuer warf. Es krachte und knirschte, als das runde Gefäß auf das brennende Holz traf. Flammen und Funken stoben auf und erhellten für einen kurzen Augenblich die Baumwipfel des Lagerplatzes.
Und schon tat es Tam’i furchtbar leid um ihre wertvolle Schale, die sie schon ihr ganzes Leben begleitete und um den Brei. Aufgeregt eilte sie um die Feuerstelle herum und versuchte zu retten, was zu retten war.
Auf der anderen Seite des großen Feuers angekommen entdeckte sie ihre Holzschale, sie war unversehrt. Ein wenig angebrannt an einer Stelle, aber das störte nicht weiter. Aber der Brei war fort. Hatten die Götter die leckere Speise zu sich genommen, weil die Seherin der Chin’kara sie nicht zu schätzen gewusst hatte? Tam’i machte sich schreckliche Vorwürfe.
Doch dann vernahm sie ein Zischen. Ein wenig so, als ob Wasser auf einen heißen Stein traf. Sie schaute genauer hin und fand den Brei, wie er auf einem jener Steine gelandet war, die das Feuer begrenzten.
Das, was einmal ihr Lieblingsbrei gewesen war, sah mit einem Mal vollkommen verändert aus. Das Wasser war vollkommen fort und stattdessen, war das, was dort auf dem Stein lag, fest geworden. Und noch etwas war anders. Das dort unten duftete seltsam und überaus verführerisch.
Vorsichtig knibbelte Tam’i dieses Ding, von dem heißen Stein, hob es auf und legte es vor sich hin.
Die Schamanin betrachtete den trockenen Brei, wie er vernehmlich vor sich hin dampfte. Tam’i war pappsatt und trotzdem brach sie ein Stück von diesem Etwas ab und schob es sich vorsichtig in den Mund.
Die Überraschungen sollten kein Ende nehmen.
Das, was sie dort kaute, war fest und knusprig. Beinahe so, wie ein Flusskrabbler, wenn man ihn gefangen hatte und gleich aß. Und es schmeckte ganz anders als der Brei, den sie kannte. Ja, Tam’i musste sagen, dass es noch besser schmeckte. Das hätte sie nie und nimmer vermutet, dass es etwas Besseres, als ihren geliebten Brei geben könnte.
Die Seherin war so aufgeregt, dass sie zu jedem Zelt, zu jeder Hütte lief und den Rest der Sippe weckte. Alle mussten sehen, was die Ahnen ihr offenbart hatten.
So geschah es, dass die Chin’kara lernten, Brei mitzunehmen und so, viel weitere Wege zurückzulegen als jemals zuvor, wenn sie die Zweihörner jagten. Viele Sommer erlebte Tam’i, wie ihre Sippe wuchs, gedieh und jedes Mal, wenn sie nach der Kaltzeit den Fluss verließen, vergrub sie eine Handvoll Körner in die Erde nahe ihrem Zelt und umringte sie mit ein paar Steinen, ähnlich einer Feuerstelle. Und wenn sie nach einem langen Sommer zurückkehrten, wurden sie von einem dichten Büschel Korngras begrüßt.
Und als Tam’i am Ende eines langen Lebens zu den Ahnen heimkehrte, legten die Chin’kara neben der Kette aus Langzähnen und der Mütze des Zweihorns auch einen Beutel voll Korngras und auch einige Scheiben mit dem trockenen Brei mit in ihre Ruhestätte. Denn ihr ganzes Leben, nach der denkwürdigen Nacht am Feuer, hatte die Schamanin ihre Achtung vor den Breischeiben nie wieder verloren.
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